an spannung
Rosengewitter
Dornendonner
hagelt es Erinnerungen
heißer Körner.
Es blitzt Gleichzeitigkeit in deine Adern
verbrennt die schwarze Luft.
Ozon in der Nase,
es knistert, raucht und knackt
im Arteriengebüsch
vertrockneter Verästelungen.
Wenigstens etwas.
Wenigstens manchmal
irgendwo
jemand
oder vielleicht auch
nicht.
Was kostet die Zeit?
Die Gründung
meines eigenen Labels für den Augenblick -
welche Sprache muss
ich
finden, um
ich
sagen zu dürfen, sprechen,
überhaupt zu dürfen
intransitiv -
und ein ich mit
mehr
als drei Buchstaben.
Im Spiegel
Bitte aussteigen,
du hast dein Ziel erreicht.
Angekommen in dem schwarzen Loch,
der hohlen Diele,
unter dem Boden der Tatsachen.
Und du denkst stumpf,
also doch.
Lange hast du
dein Gesicht in den Spiegel gehalten
und es gefragt,
wozu eigentlich,
und wann die Nacht den Tag überragt,
und du den Absprung nicht mehr schaffst.
Und der Spiegel, er glotzt,
die Welt hat dich ausgespuckt
und du bist so weit, so weit weit weg,
und fern von allen.
Ein Klotz
an deinem eigenen Bein
und du prügelst vergeblich auf es ein,
auf dein berstendes Herz.
Denselben Kampf führst du schon immer
jeden Tag aufs Neue,
um ein kleines Bisschen Gegenwart nur für dich.
Willst die Füße stillhalten,
aufhören um dein Glück zu strampeln
und einfach zusehen,
wenn sie dich endlich niedertrampeln
die Dämonen deiner unsäglichen Nächte
und die verlogene Welt.
Und du schaust nicht mehr in den Spiegel, denn
Der Spiegel, er glotzt,
die Welt hat dich ausgespuckt
und du bist so weit, so weit weit weg
und fern von allen.
Ein Klotz
an deinem eigenen Bein
und du prügelst vergeblich darauf ein,
auf dein berstendes Herz.
Vielleicht fliegt dann ein Blick
in deine Augen,
ein Grashalm in deiner Hand,
ein Schiff an Land,
Musik und bunt
deine Gedichte, die um dich poltern.
Geteilte Ausweglosigkeit,
und das Ende –
es täte dir doch Leid.
Überlegungen zu Psychiatrie und Kontingenzbewältigung I
Alice
In ihrer ersten eigenen Wohnung steht nicht viel. Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Stuhl. Eine Pflanze, ein neuer Teppich, einige Bücher in Stapeln auf dem Boden. Ein provisorischer Käfig aus Regalbrettern und Maschendraht mit einem weißen Kaninchen namens Alice. Alice mag getrocknete Bananen und Basilikum, am liebsten aber kaut sie an Kunderas Unsterblichkeit, die rechts auf Fresshöhe durch den Maschendraht ragt. Alice ist ein Angorakaninchen, wäre sie irgendwie größer, könnte man sie gebrauchen. Um einen Pullover zu stricken, zum Beispiel. Aber warum rede ich von Kaninchen? Sie wohnt seit einem halben Jahr hier, ist angetreten, um eine Meinung zu haben, Künstlerin zu sein, Literatur zu studieren, Philosophie. In dem Bewusstsein, dass sich auf weichen Künsten und Wissenschaften schlecht stehen lässt, aber das mit dem Bewusstsein ist so eine Sache. Für einen Aufsatz gibt es schließlich ganz konkret sieben Leistungspunkte, die fünfhundertsiebenundneunzig Euro Studiengebühren und Verwaltungskosten nebst Solidaritätszuschlag lassen sich in achtundzwanzig produktive Semesterwochenstunden eintauschen und eine Quittung gibt es alle sechs Monate gratis obendrauf. Wenn sie abends nach Hause kommt, bürstet sie lauernd Alices Angoramähne. Das Leben und die Realität lassen sich wie von selbst verpacken, in kleine, verständliche und mundgerechte, im Idealfall rentable Happen. Das macht vorhersehbar und nimmt die Angst, entspricht der Norm.
Kontingenzerfahrungen
Was der standardisierten Portionierung nicht entspricht und aus dem Rahmen fällt, macht entsprechend Angst und darf nicht sein. Was daran erinnert, dass die Lebenswelt sich nicht beherrschen lässt, gemahnt an die Fragilität und Unberechenbarkeit des Lebens schlechthin, ohne dabei sicherlich die Worte Fragilität und Schicksalskontingenz buchstäblich vor dem inneren Auge auftauchen zu lassen.[1] Das Nicht-Greifbare an Kontingenzerfahrungen macht einen nicht unwesentlichen Anteil ihrer Wirkmacht aus. Und je stärker die Abweichung von der erwarteten Norm, desto unbequemer, desto ängstigender das Erlebnis, desto deutlicher die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit. Nicht umsonst knabbert Alice an der Unsterblichkeit. Schneeberge, die statt der üblichen fünfzehn Grad Celsius in Algerien ganze Dörfer von der Zivilisation abschneiden und die Trinkwasserversorgung gefährden; der Mann, der in der Straßenbahn mit sich selbst redet und laut über die Verschwörung deutscher Spitzenpolitiker mit den Illuminaten skandiert. Aber auch gänzlich subjektive Erfahrungen: Wenn Alices Besitzerin zum Beispiel zum wiederholten Male weitere weiße Kaninchen sieht, die Wände auf sie zukommen, der Nebel draußen die Strafe für ihren Verrat an der Welt ist, die Angst sie rote Formen vor dem inneren Auge sehen lässt oder eine Stimme ihr, vollkommen unökonomisch, in den Kopf raunt, sie solle aus dem Fenster springen und ihr unnützes Dasein beenden. Kurz, psychische Ausnahmezustände, die sowohl für denjenigen, der sie aktiv erlebt, als auch für die, die sie passiv und von außen miterleben, in besonderer Weise den Erwartungen an die Norm widersprechen. Vielfach kann der Betroffene sein Erleben nicht versprachlichen und konfrontiert seine Umwelt mit Verhaltens- und Denkweisen, die sich dem üblichen Raster nicht fügen wollen, die nicht nützlich, nicht rentabel, nicht im normalen Sinne logisch sind. Die schlechthinnige Abhängigkeit[2] des eigenen Daseins dringt gewaltsam an die Oberfläche und erschüttert das hart erkämpfte Vertrauen in die unbedingte Funktionstüchtigkeit der ökonomisierten Lebenswelt.
Psychische Ausnahmezustände und Realitätsverdopplung
Zusammenfassend kann damit gesagt werden: unsere vermeintlich objektive Wirklichkeit ist bereits strukturiert durch unsere gesellschaftliche Kodifizierung und unsere konzeptuelles Wissen über das So-Sein der Welt und der Abläufe in ihr.[3] Daraus ergibt sich das Paradoxon, dass der Mensch der Konstrukteur seiner Wirklichkeit ist, ohne dass ihm dieser Akt der Konstruktion ins Bewusstsein dringt. Psychische Ausnahmezustände lassen sich zunächst mit Hilfe dieses allgemeinen Wissens nicht erklären und einordnen, konfrontieren den Menschen daher mit seiner eigenen Fragilität.[4] Diese Kontingenzerfahrung erfordert nun eine Reaktion, die das Fremde und Ängstigende in irgendeiner Weise erträglich macht.
Dass diese Reaktion innerhalb der westlichen Welt institutionalisiert und nach einem ganz bestimmten Muster ausgerichtet worden ist, hat am umfangreichsten Michel Foucault in seinen Abhandlungen „Die Entstehung der Klinik“ und „Wahnsinn und Gesellschaft“ nachgewiesen.[5] Was hier bisher als psychische Ausnahmezustände bezeichnet wurde, erscheint in der Geschichte als Genie, Wahnsinn, Geisteskrankheit, psychische Störung, Krankheit.[6] Bis ins 17. Jahrhundert hinein, wurden derartige Normabweichungen toleriert, zum Teil gar nicht wahrgenommen oder auch mit einer besonderen Befähigung zum Verständnis der Welt und außergewöhnlicher Kreativität verbunden. Mitte des 17. Jahrhunderts begann die Assoziierung mit „moralischer und sittlicher Schlechtigkeit“, was die Entstehung von Internierungshäusern zur Folge hatte, in denen der Übergang zwischen Wahnsinn und Verbrechen fließend war. Erst im 18. Jahrhundert entstanden Kliniken, die dem modernen Verständnis näher standen, wodurch die enge Verbindung zum Zuchthaus aufgehoben und eine medizinische Komponente hinzugefügt wurde. Im Zuge der Aufklärung wurden psychische Ausnahmezustände in Abgrenzung von der Vernunft definiert und zu heilbaren Krankheiten erklärt. In der Folge entstand eine immer stärker spezifizierte Wissenschaft der Geisteskrankheiten – gleichzeitig in Abgrenzung und Anlehnung an die somatischen Krankheiten – die sich die Heilung und Linderung des Leidens zur Aufgabe gemacht hat.[7]
Die für den Laien in ihren Einzelheiten kaum durchdringbare Spezifizierung der Psychiatrie, die Postulate der (harten Natur-)Wissenschaftlichkeit, der Objektivität und der empirischen Datenerhebung verschleiern leicht, dass auch der moderne Umgang mit psychischen Ausnahmezuständen der Kontingenzbewältigung geschuldet ist. Das systematische Schaffen von Spezialwissen und dessen Einbettung in ein komplexes Diagnostik-System, das in der numerisch geordneten Zusammenstellung aller denkbaren Normabweichungen gipfelt, bedeutet nichts anderes als eine Realitätsverdopplung[8]: der realen Realität[9] wird eine zweite Realität zur Seite gestellt, die diese vereinfacht und auf eine Weise durchschaubar macht, die die reale Welt nie zulassen würde.[10] Der Ausnahmezustand in der realen Realität wird in der Realität des Diagnostik-Systems zu einer festen Nummer innerhalb einer in sich logischen Aufstellung und damit: zur Normalität. Die Diagnostik-Maschinerie bedient sich der Fiktionalisierung – mit dem Ziel, angesichts der Kontingenzerfahrung Orientierungsmöglichkeiten zu schaffen, die die Realität nicht bereitstellt. Es handelt sich um eine Strategie zur Kontingenzbewältigung, sicherlich für denjenigen, der einen psychischen Ausnahmezustand erlebt – mit noch größerer Sicherheit aber für diejenigen, die sich passiv damit konfrontiert sehen. Das Nicht-Fassbare wird nicht nur in Sprache, sondern in (sterile und unemotionale, d.h. nicht mit alltäglichen Erfahrungen assoziierte) Sprache gegossen; das nun Versprachlichte wird in das semantische System eines Diagnosekatalogs integriert; anhand des Katalogs werden Handlungsrichtlinien zum Umgang mit dem nun erkannten Phänomen bereitgestellt. Der Ablauf wird objektiv, standardisiert, in überschaubare und angenehm beruhigende Einzelschritte verpackt und bietet somit Sicherheit angesichts der ansonsten bedrohlichen Grenzerfahrung.
Der Mechanismus der Realitätsverdopplung ist keinesfalls der Institution Psychiatrie vorbehalten (und innerhalb der Psychiatrie nicht dem Diagnostik-System), doch birgt er dort ein besonderes Risiko. Er führt dazu, dass der Gegenstand der medizinischen Betrachtung nicht mehr die psychische Erlebniswelt per se ist, sondern die psychische Erlebniswelt anhand objektivierter Symptome – sozusagen die Wirklichkeit im Korsett einer vor-klassifizierten Diagnostik-Schablone, der man ihre Statt-Realität nicht ansieht, da sie im Gewand der Wissenschaftlichkeit und Empirie daherkommt. Die Angst, das Ängstigende und Fremde erscheinen konzeptualisiert als „psychische Störungen“, werden so zuhanden gemacht und ihrer bedrohlichen Qualität beraubt – für den Außenstehenden, nicht aber für den Betroffenen, dessen subjektive Wahrnehmung sich nicht in Muster pressen lässt; gerade hierin liegt ihre besondere und ängstigende Qualität. Der Betroffene wird zum Patienten, die subjektiven Eindrücke zu objektiven Symptomen, die Person des Kranken wird zur neutralen Krankheit ent-personifiziert, über die in der dritten Person gesprochen werden kann[11], das psychische Erleben wird zu einer Nummer im Diagnosekatalog chiffriert – das Gefährliche dabei ist, dass dieser Vorgang gemeinhin komplett unbewusst vor sich geht und, im Gegenteil, als De-Chiffrierung verstanden und verkauft wird. Ängste, Sinnfragen, Ich-Verlust werden im kalten Modus vorgefertigter und stereotyper Diagnosen gedacht: Wie kann ich (als Arzt, als Therapeut, als Pflegekraft; letztlich als „Zeuge“) am besten mit der eigenen Angst, dem eigenen Bewusstsein der Sterblichkeit umgehen, wenn mein Außen mich damit konfrontiert? – Indem ich beides (vermeintlich) einfach fassbar, verstehbar, erklärbar mache, es objektiviere (und damit: leugne!). Nicht Angst, sondern „Angststörung“; nicht Ich-Verlust, sondern „psychotisches Erleben“ oder „Dissoziation“; nicht „Sinnfrage“, sondern „Depression“. Die Benennung steht am Anfang des Behandlungsprozesses, Vor-Bewusstes, Vor-Sprachliches darf es schlicht nicht geben. Die Konzeptualisierung der psychischen Wirklichkeit in Form von Klein- und Kleinst-Diagnosen entspringt damit schlicht und ergreifend der menschlichen Angst vor der Fragilität des eigenen Daseins. Ein zutiefst menschlicher Mechanismus – nur: das macht sich die Institution Psychiatrie längst nicht mehr bewusst, betrachtet ihre Schablonen als objektives Fenster in die psychische Wirklichkeit der ihr anvertrauten Menschen, verschließt die Augen vor der Realitätsverdopplung und festigt somit ihren Status als machtausübendes Organ – Macht im Foucault’schen Sinne als „auf Handeln ausgerichtetes Handeln“[12], das alle Möglichkeiten menschlichen Handelns bereits mitdenkt und in sein System integriert.
Die räumliche Dimension der Realitätsverdopplung: der stationäre Rahmen
Dieser Machtaspekt gewinnt in vielerlei Hinsicht an Dringlichkeit. Zum einen entsteht durch den Akt der Realitätsverdopplung eine Hierarchie in der Interaktion zwischen Außenstehendem und Betroffenem allgemein und zwischen Behandler und Behandeltem im Speziellen. Das subjektive Erleben wird ersetzt durch objektive Symptome – damit wird die Deutungshoheit über das Phänomen vom Betroffenen zum Außenstehenden transferiert. Der Zugang zum Spezialwissen wird zur Rechtfertigung einer überlegenen und in gewisser Weise unangreifbaren Position (I). Dies wird verstärkt, wenn die Interaktion nicht im ambulanten, sondern im stationären Rahmen stattfindet. In jenem Fall erhält die zweite Realität eine räumliche Dimension, wodurch ihr fiktionaler Charakter noch weiter verschleiert wird und für den Patienten kaum noch ersichtlich sein kann. Der Ablauf des Alltags, die Art und Weise, in der dem Patienten von den Fachkräften begegnet wird (bis hin zur optischen Abgrenzung durch die weiße Arbeitskleidung), die Ernährung, natürlich die Medikation, der Zugang zur Außenwelt und zu Wissen (in Form von die Situation betreffender Fachliteratur, aber auch Zeitung, Internet u. Ä.) sowie die gesamte zwischenmenschliche Interaktion sind geprägt durch die Definition des Individuums als ICD10 F xyz (II).[13] Die zusätzliche räumliche Dimension der zweiten Realität führt beinahe zwangsweise zu einer Identifizierung des Patienten mit seiner Krankheit, wobei der Begriff der Identifizierung bereits zu sehr einen vom Patienten ausgehenden Prozess impliziert. In diesem Sinne wäre es aussagekräftiger von einer „Definition“ des Individuums zu sprechen – denn gerade dies ist es, was geschieht: es werden Grenzen gesetzt. Das Fremde und Ängstigende, das sich dem sprachlichen Begreifen entzog und dem Wissen um das So-Sein der Realität widersprach, lag außerhalb der Grenzen der Normalität – ganz im Sinne Wittgensteins, der die Grenzen seiner Sprache als die Grenzen seiner Welt bezeichnete. Dieses außerhalb Liegende, Formlose, Vor-Sprachliche und damit an die eigenen Grenzen, nämlich die der Lebensdauer, gemahnende wird in räumlicher und begrifflich-sprachlicher Dimension be-grenzt, zuhanden gemacht und somit seiner an die Schicksalskontingenz erinnernde Qualität entledigt. Diese Begrenzung führt zu einer Reduktion des Individuums auf seine Krankheit – was wiederum eine sich selbst erfüllende Prophezeiung darstellt.
Im Kreuzfeuer
Ich wollte deine Seele
im Feuer
mit meiner auf uns regnen lassen.
Stattdessen:
Mixtape-Melancholie, Baby -
und danach verkohlter Bandsalat
zu unsren Füßen.
Ich spucke die Philosophie darauf,
die auf unsren Zungen lag -
Altar aus Ascheträumen.
Nischen
Deine violette Hand an der Wange meiner Gedanken
lässt mich ruhiger schlafen.
Gibt meinem weißen Haar
Farbe
zurück,
Zucker auf den Fingerknöcheln.
Du bist einer von denen,
die in Farben fühlen,
Farbe bekennen,
auf dem Stempelkissen schlafen,
um Spuren zu hinterlassen.
Das Alleinsein anpinseln
und eine neue Nische malen.
